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Elke Werkmeister

Visiopädie - Klar sehen

Vorwort von Dr. med. Joachim Krauss

Vor fast schon zwei Jahrzehnten begegnete ich Elke Werkmeister zum erstenmal. Eine sachte gewachsene Freundschaft verbindet uns seither. Und das obwohl wir doch, wie man so sagt, zwei ganz verschiedenen Lagern angehören, mit Auffassungen, die sich heute zumeist noch unversöhnlich, zuweilen fast feindschaftlich gegenüberstehen. Ich spreche von der Ärzteschaft auf der einen Seite, den Vertretern der konventionellen, offiziell anerkannten Medizin der Universitäten, und auf der anderen Seite von den Menschen, die die verschiedenen Methoden des alternativen Heilens anwenden.

Als ein studierter Mediziner und dann in Kliniken als Internist tätiger Arzt, bin ich selbst tief geprägt von dem naturwissenschaftlichen Verständnis von Krankheitsentstehung und – behandlung. Aber wie versteht sich denn diese Wissenschaft von der Natur selbst?

Begonnen hat sie im 17.Jahrhundert in Europa geistesgeschichtlich als Rationalismus, als ein Triumph der Ratio, des analysierenden Verstandes und der Vernunft, über die – aus dieser Sicht – “nebulösen” Qualitäten des Seelischen und des Geistigen (René Descartes: “Ich denke, also bin ich”); geführt hat sie schließlich zu einem Materialismus von letzter Konsequenz, so wie er heute weithin bestimmend ist.

Ganz bewußt hat dieser Rationalismus die Medizin “entzaubert”. Er hat sie nach den Gesetzen von Ursache und Wirkung ausgerichtet, so wie sie sich einem Wissenschaftler zeigen, der die Natur, die Menschen, die ganze belebte und unbelebte Welt beobachtet und sich dabei mit voller Absicht jeder persönlichen Anteilnahme enthält. Die Ergebnisse sind richtig – aber sie sind unvollständig. Es fehlt die Tiefendimension, wenn man die Natur mit Scheuklappen, eben mit den Scheuklappen des Rationalismus betrachtet.

Diese Medizin, die daraus entstand, hat auf weiten Feldern Erfolge erzielt, die früher unvorstellbar waren: Die Eindämmung der Infektionskrankheiten und der großen Seuchen, die Möglichkeiten heutiger Intensivmedizin, die modernen Verfahren der Narkose und der Chirurgie in allen ihren Facetten, sind nur einige wenige Beispiele für eine Vielzahl von Fachdisziplinen, die hier erwähnt werden könnten. Und wer von uns möchte schon, in einer akut-bedrohlichen Krankheitssituation oder nach einem Unfall, auf Hilfe von dieser Seite verzichten?

Und doch hat sich diese Medizin, begreiflicherweise, nicht zu einem “Segen für die ganze Menschheit” entwickeln können, wie es doch ihr hoher Ansatz gewesen ist.

Mir selbst hat die Begegnung mit Elke Werkmeister den Blickwinkel in vieler Hinsicht erweitert und mir die Augen geöffnet für die Grenzen “meiner” Medizin; im Gespräch mit ihr, durch grunderschütternde Erlebnisse der Selbsterfahrung in ihren Kursen, im Blick auf ihre Weise zu sein und zu handeln, ist mir im Laufe der Jahre so manche “Schuppe von den Augen gefallen.”

Ich verstehe zunehmend besser, daß die Medizin, die von sich sagt, sie sei als “reine” Naturwissenschaft die einzig legitime, bildlich gesprochen, als so etwas wie das Skelett der Heilkunde gelten kann.

Damit aber Fleisch und Blut hinzukommen, damit eine letztlich wirksame, eine heil-same Qualität der Behandlung entsteht, muß bei jeder Störung des Wohlbefindens und der Gesundheit auch die seelische Dimension mitgesehen, geachtet und in den Heilungsplan und –weg miteinbezogen werden.

Die Ahnung oder Gewißheit schließlich, daß alle Naturvorgänge, daß alle Lebensprozesse, daß Gesundheit und Krankheit in einer höheren Ordnung, in einem sinnhaften Zusammenhang stehen, erweitert die Heilkunde um die ihr zugehörige Dimension des Geistigen.

Sind diese drei – nur in unserer begrenzten Wahrnehmungsfähigkeit getrennten – Bereiche des Materiellen, des Seelischen und des Geistigen in der Heilkunde gleichrangig enthalten, dann wird sie zur Heilkunst, so wie sie in frühen Zeiten auch genannt wurde, als es das gleiche Amt war, Priester zu sein und Arzt-Heiler.

Als eine “Heilkünstlerin” in solchem umfassenden Sinne erlebe ich Elke Werkmeister in dem Wirkensbereich, den sie sich geschaffen hat; und für viele Andere ist sie das auch. Die Erfahrungsberichte im 2. Teil dieses Buches sind ein Zeugnis dafür.

Ich bin ihr dankbar und freue mich, daß sie, nun als Autorin, den Kreis ihrer Wirksamkeit erweitert. Zwar ist es “nur” ein Buch, das die Begegnung mit ihr vermittelt. Aber es ist dieses Buch, in dem sie Wissen und ihre Erfahrung weitergibt, kein papiernes, trockenes Buch. Es ist eine sehr persönliche Mitteilung, in der durchaus etwas von ihrem therapeutischen Charisma aufscheint. Elke Werkmeister ist eine Frau, die ihre innere Stimme hört und, was das eigentlich entscheidende ist, auch auf sie hört. Daraus gewinnt sie ihre Lebensausrichtung, so wie sie es selbst formuliert, auf die Qualitäten von “Einfachheit, Klarheit, Liebe”, und sie erfährt die tiefe Lebensfreude eines Menschen, der mit sich selbst im Einklang ist.

Diese Freude möchte sie teilen, vor allem auch mit Menschen, die in Krisen oder Krankheiten stecken. Diese Menschen will sie ermutigen, sich auf den Weg zu machen und will sie dorthin begleiten, wo jeder – in sich selbst – den eigenen, verborgenen Schatz zu finden vermag.

Sie hat damit etwas zu vermitteln, was viele Menschen schmerzlich entbehren. Denn die Qualität des Lebens, ja das Leben selbst, leidet im Großen immer mehr unter den Schattenseiten der ausufernden zivilisatorischen Entwicklung, wie zum Beispiel Umweltverschmutzung und Ausbeutung der Natur. Und im Kleinen gerät der Einzelne, zum Beispiel durch das unmenschliche Tempo des Lebensalltags oder die Angst vor dem Verlust seiner Arbeit, unter einen bedrohenden Leistungsdruck.

“Der Druck des modernen Lebens”, sagt Alexander Lowen, Arzt und Begründer der Bioenergetik, in seinem hohen Alter, “der Druck des modernen Lebens läßt uns keine Zeit zum Sein: Zu atmen, zu fühlen, nachzudenken. Als Individuen sind wir bedroht durch den Verlust der Werte, die in früheren Zeiten tragend waren: Selbstachtung und Würde.”

Dieses Buch von Elke Werkmeister zeigt uns Wege, wie wir den Druck, der uns bedrängt, mildern oder ihn von uns wenden können, und es hilft uns, unserem Leben die ihm innewohnende Qualität zurückzugeben, indem wir wieder zur Selbstachtung kommen und zur Erfahrung unserer Würde als Menschen.
Dr. med. Joachim Krauss
 

Was sind Heilmeditationen für die Augen?

Die einfachste Möglichkeit, die Wirkungsweise einer Heilmeditation zu begreifen, ist, sie zu machen. Dabei kann man auf direkte Art und Weise erleben, wie
sie funktioniert...

Möchte man die Sache für den Verstand fassbar machen, werden die komplexen, ineinandergreifenden Funktionsmechanismen des Körpers, der Gefühle und der Gedanken deutlich.

Aus der klassischen Literatur, wie auch aus den Forschungsergebnisssen der Neuroimmunologie gehen deutlich die Verbindungen zwischen Körper, Gedanken, Gefühlen und der daraus resultierenden Wirkungsmöglichkeiten hervor.

Darauf basieren die Heilmeditationen für die Augen. Durch das gedankliche Hineinspüren in das Organ wird eine Verbindung hergestellt, die zu einer Rückkoppelung, zu einer Resonanz führt. Dadurch entstehen wohltuende Gefühle, die wiederum die Körperchemie beeinflussen und entsprechende Hormone erzeugen. Die folgende Endorphinausschüttung beflügelt wiederum die Gedanken. So entsteht eine Rückkoppelung, die zur Schwingung wird und damit zu etwas Eigenständigem, was den Körper in die Lage versetzt, die Basis für die innere Heilung zu legen, nämlich die völlige Entspannung. Diese wird getragen von wohligen Gefühlen und Offenheit für das was möglich ist. Damit ist der Weg frei für den Körper, sich selbst zu heilen.

Für die Augenmeditation sind keinerlei Vorkenntnisse nötig. Das kreative Bewusstsein lässt die Heilenergie intuitiv zu den richtigen Stellen fliessen.

Einfach entspannen und die Gedanken loslassen...

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Dr. William Bates (1860 – 1931)

Der amerikanische Augenarzt Dr. William Bates (1860 – 1931), gilt als ein Pionier auf dem Gebiet des Augentrainings. Er erforschte den Zusammenhang zwischen Sehschwäche und seelischkörperlicher Überforderung. Dr. Bates ging davon aus, dass Sehschwächen durch geistige und emotionale Anspannung und ungesunde Sehgewohnheiten hervorgerufen werden. Die Nachfolger von William Bates haben seine Vorgehensweise aufgrund neuer Erkenntnisse, z.B. der Gehirnforschung und der Psychologie erweitert.

Dr. Janet Goodrich

Das Lebenswerk der Reich’schen Therapeutin und Doktorin der Psychologie war die Erweiterung und Verbreitung der von William Bates begründeten Sehtrainings-Methode. Sie vervollkommnete dieses Programm zu ihrer ganz eigenen Natürlich Besser Sehen- Methode. Das Besondere daran war die Verbindung von Psychotherapie und Sehspielen. Denn bei Janet gab es keine Übungen, das Sehen wurde spielerisch verbessert. Außerdem brachte sie Erkenntnisse aus der neueren Gehirnforschung und der Kinesiologie in ihre Arbeit hinein.
 Seit 1988 kam sie regelmäßig nach Deutschland, gab dort Seminare und bildete SehlehrerInnen aus. Auch in Hamburg machte sie zweimal Station. Wer in ihren Seminaren gewesen ist, kennt die starke Ausstrahlung dieser zierlichen Elfen-artigen Frau, die viele der TeilnehmerInnen sowohl mit ihrer mitreißend kindlichen Art als auch mit Weisheit und Liebe in ihren Bann zog. Wer mit Janet Sehspiele spielte, kam sich nicht albern vor. Selbst der ernsthafteste und älteste Teilnehmer wurde wieder Kind und genoss das Spiel mit den Augen.
 Janet Goodrich war sozusagen die Mutter des guten Sehens. Viele Autoren, die sich mit dem Thema Entspanntes Sehen beschäftigten, wurden von ihr beeinflusst, darunter Lisette Scholl (Das Augen-Übungsbuch), Barbara Hughes (Besser Sehen in 12 Wochen) und andere.
 In den über 25 Jahren, die sie sich dem Thema Augen widmete, hat sie ihre eigene Kurzsichtigkeit und Hornhautverkrümmung geheilt und ihr Wissen weltweit an unzählige Menschen weitergegeben. Ihre Bücher Natürlich Besser Sehen und Spielend Besser Sehen sind nicht nur gute Lehrbücher, sondern auch unterhaltsame Lektüre.

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Fallbeispiel zur Schielentwicklung bei Kindern:

Christof (6 1/2 Jahre alt) begann mit 1 1/2 Jahren zu schielen, indem das linke Auge nach innen zur Nase hin wegrutschte. Jetzt, da der Junge bereits zur Schule geht, werden die Eltern vermehrt zur Schieloperation gedrängt. Gleichzeitig werden sie darauf hingewiesen, daß die OP nur einen kosmetischen Zweck zur Korrektur der Augenstellung habe, um Doppelbilder zu vermeiden, habe das Gehirn die Sehfunktion des schielenden Auges abgeschaltet, es sei also wie blind, obwohl organisch gesund.

Beim ersten Besuch der Eltern mit dem Jungen erlebe ich die Mutter als dominant, den Vater eher weiblich verhalten. Christof verhält sich ängstlich und introvertiert. Beide Eltern zeigen sich sehr interessiert und aufgeschlossen und bereit, das ihnen Mögliche beizutragen, um dem Sohn die OP zu ersparen. Ihnen wird schnell klar, daß der sensible Junge Angst vor der Dominanz der Mutter hat. Dabei meint sie es gar nicht böse, nur - wie sie sagt: "Einer muß ja in der Familie den Ton angeben" - die Führungsrolle übernommen hat, da der Vater sich wegen eigener Kindheitsprägungen sehr zurücknimmt.

Christofs Unterbewußtsein versucht, die Angst- und Fluchttendenzen durch das nach innen wegtauchende Auge für die Außenwelt sichtbar zu machen. Das Schielen ist sozusagen ein Hilferuf des Körpers und der Seele an die Umwelt. Auch die Richtung, in der die Ursache der Störung zu suchen ist, wird vom Jungen unbewußt angezeigt. Das Unbewußte äußert sich in einer Symbol- und Bildersprache, nicht nur im Traum, sondern auch im Wachbewußtsein. Wenn wir diese Sprache deuten lernen, erkennen wir schnell die Ursachen unserer Probleme, sodaß wir diese lösen können. In Christofs Fall zeigt uns das linksäugige Schielen ein Problem mit Weiblichkeit an, da die linke Körperseite die sogenannte weibliche, passive darstellt, die rechte Körperseite für männlich-aktiv steht. Bei Kindern entsteht die Problematik vorwiegend mit den engsten Bezugspersonen, in diesem Fall also mit der Mutter.

Das nach innen wegrutschende Auge demonstriert auf der körperlichen Ebene, daß Christof sich verstecken möchte, was sich durch sein ängstliches Verhalten bestätigt. Den Eltern erscheint der Zusammenhang sehr verständlich, worauf beide ihre Verhaltensweise innerhalb der Familie langsam verändern. Die Mutter nimmt bewußt ihre Dominanz zurück, während der Vater mehr in den Vordergrund tritt, indem er mehr Verantwortung übernimmt und seine eigenen Kindheitsängste in einer Therapie bearbeitet. Beide gehen liebevoll auf Christof ein, der sich langsam mehr nach außen wagt. Christof selbst ist bereit, die Verantwortung für sein linkes flüchtendes Auge zu übernehmen, welches er Goofi nennt. Er beginnt, Goofi liebevoll anzusprechen und mit spielerischen Übungen langsam in den Sehprozess zu integrieren. Mit der Zeit taucht er aus seinem Versteck wieder auf, wird mutiger, selbstbewußter, und nach einem Jahr ist das Schielen behoben, und beide Augen beteiligen sich wieder aktiv am Sehen.

 

Textauszug aus “Auf dem Weg in die Klarheit”.


Ich begann auch, ein »Augentagebuch« zu führen. Die damalige Situation und meine Gedanken schildert am besten ein Auszug daraus:

»Es scheint alles ganz folgerichtig. Zuerst bei Anton der leise Hinweis darauf daß Kurzsichtigkeit wie alle Krankheiten heilbar sei. Meine Opposition dagegen, mein festgefügtes Weltbild des Sichhineinfügens in diesen Zustand der Hilflosigkeit — nur mit den Krücken der Kontaktlinsen oder Brille überhaupt an der Welt teilnehmen, teilhaben zu können — aufgeben zu müssen, zu wollen ... ich bin ganz schön hartnäckig.

Es dauerte viel zu lange bis zu der Frage nach Hilfe an Anton. Es war ein Schritt, aber ein entscheidender: einzusehen, selbst etwas verändern zu können, wenn ich bereit war, mich selbst und meine eingefahrenen Verhaltensmuster in Frage zu stellen; ja, mir zu gestatten, einzusehen, daß ich auf dem falschen Weg bin, mir selbst etwas vormache. Und nun fing ich wieder ganz von vorn an.

Mein festgefügtes Gebilde aus Selbstbewußtsein, Stolz, Erfolg und scheinbarer Glückseligkeit stürzte zusammen wie ein Kartenhaus. Die Worte Antons mit der umfassenden Geste die das ganze Haus und die dort lebenden Personen mit einbezog, verfolgten mich wie wispernde Geister aus allen Ecken: >Das alles hier ist doch eine Lüge, siehst du das denn nicht?> — Nein, ich sah es nicht.

Endlich begriff ich: Ich konnte nicht sehen!

Die Brillen sind brauchbare, die Kontaktlinsen perfekte Krücken, die mich darüber hinweggetäuscht hatten, daß ich blind bin!

Erst in dem Moment, als alles wie aus heiterem Himmel zusammenbrach, wurde mir mein Zustand der Blindheit bewußt — und das rüttelte mich auf etwas zu unternehmen. Ich begann, mich mit dem Zustand des >Nichtsehenkönnens> zu beschäftigen. Fragen entstanden: Seit wann trägst du deine Brille? Was ist damals um dich herum passiert, was du nicht sehen wolltest? Was hinderte dich die ganzen darauffolgenden Jahre daran, deinen Zustand in Frage zu stellen. Und so weiter.

Der nächste Hammerschlag, den ich erhielt, war das Buch Krankheit als Weg von Thorwald Dethlefsen, das mir noch einen gründlichen Schuß vor den Bug verpaßte. Aber nun war die Sperre gebrochen. Ich wollte mich mit meiner Schwäche auseinandersetzen und mein Sehen verändern. Ich wollte wieder sehen lernen.

Die Hilfeleistung dazu bereitete ich mir unbewußt selbst, indem ich eine Kontaktlinse dort verlor, wo sie eigentlich gar nicht verlorengehen konnte, und ich mir nach einer Stunde vergeblichen Suchens schwor, sie in den Kasten zu packen und mich endlich meiner Blindheit zu stellen. Natürlich fand ich danach sofort die verlorene Linse; aber ich brachte es fertig, beide in die Schachtel zu verbannen und meine verhaßte Brille hervorzukramen; denn ich wußte, es würde eine Zeitlang dauern, ehe ich in der Lage wäre, ganz ohne Hilfsmittel auszukommen.

Die Brille — wie viele habe ich zerbrochen als Kind oder verloren als Erwachsene—, der verhaßte Gegner meiner Eitelkeit, natürlich unterstützt von den Aussagen anderer, daß eine Brille mir nicht steht, die Gesichtslinie sich ungünstig verändert, ich aussähe wie eine Lehrerin oder Intellektuelle. So ließ ich mich durch meine Umwelt festlegen.

Und nun holte ich dieses Folterinstrument meiner Kindheit und Jugend bewußt wieder hervor. Wenn ich sie nicht unbedingt brauchte legte ich sie beiseite, um mich mit der Verschwommenheit um mich herum zu konfrontieren. Ich machte die Erfahrung, daß ich ohne Brille an nichts teilhaben konnte, was außerhalb des Ein-Meter-Radius vor sich ging; ich konnte die Gesichter der Menschen nur verschwommen wahrnehmen und nicht in ihren Gesichtszügen lesen — und das bei meiner Neugierde! Auch der Dreck um mich herum war unsichtbar für mich, obwohl ich wußte, daß er da war.

Lesen konnte ich, aber nur mit Anstrengung und baldigen Ermüdungserscheinungen. Ich erinnerte mich daran, daß ich als Kind, bevor ich eine Brille tragen mußte, mich in Scheinwelten flüchtete, in Bücher, die ich heimlich bei Taschenlampenlicht unter der Bettdecke las, damit meine Schwester mich nicht verpetzte, und in Tagträume, bei denen ich mich mit verlorenem, starren Blick in andere Welten gleiten ließ. Außerdem erinnerte ich mich an entzündete Augen und Schwierigkeiten beim Sehen. Wenn ich die Brille jetzt trug, spürte ich ihren Druck unangenehm auf der Nase. Sie verrutschte und beschlug, wenn ich von draußen ins Warme trat. Bei Regen wurde sie naß, kurz, ich wurde weiterhin am richtigen Sehen gehindert. Die Menschen meiner Umgebung sprachen mich darauf an, weil sie an mir keine Brille gewöhnt waren, und ich war mir permanent bewußt, daß die Brille mich nicht verschönerte. Trotzdem trug ich sie mit dem Bewußtsein, daß ich erst bereit wäre, etwas wirklich verändern zu können bzw. zu wollen, wenn der Leidensdruck sehr groß war, wenn ich wieder bereit wäre, meine Umwelt so zu akzeptieren, wie sie ist, mir nichts mehr vorzumachen.

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